Die allgemeine Natur der Angst

Angst ist wahrscheinlich das grundlegendste unserer Gefühle. Sie tritt nicht nur bei Menschen auf, sondern wurde auch bei allen Tierarten bis hin zu so einfachen Organismen wie Seeschnecken und ähnlichen wirbellosen Tieren gefunden. Angsterlebnisse können von einem flüchtigen, leichten Unwohlsein bis zur tagtäglichen Erfahrung extremer Panik reichen. Obwohl Angst unangenehm ist, ist sie nicht gefährlich, sondern ein normales Gefühl. Es gibt wohl niemanden, der nicht ein gewisses Ausmaß an Angst erlebt hat, sei es z.B. das Gefühl, vor einer Prüfung den Klassenraum zu betreten oder das Gefühl, mitten in der Nacht wach zu werden und sicher zu sein, dass man draußen ein seltsames Geräusch gehört hat. Weniger bekannt ist jedoch, dass Gefühle wie extreme Benommenheit, Flimmern vor den Augen, Taubheit und Kribbeln in Körperteilen, steife und schmerzende gelähmte Muskeln sowie Atemnot, die sich bis zu Erstickungsgefühlen ausweiten kann, ebenfalls Ausdruck von Angst sein können. Wenn diese Empfindungen auftreten und die Betroffenen die Ursache dafür nicht erkennen, dann kann die Angst bis zu einem Zustand von Panik anwachsen, da man dann oft glaubt, unter einer Krankheit zu leiden.

Angst ist jedoch nicht grundsätzlich ein schlechtes Gefühl, sondern eine biologisch sinnvolle Reaktion mit einem hohen Überlebenswert. Sie ist als wichtiges Signal für Bedrohungen im Laufe von vielen tausend Jahren Evolutionsgeschichte entstanden. Die physiologischen Reaktionen wie erhöhter Herzschlag und eine stärkere Durchblutung der großen Muskeln haben eine Alarmfunktion und dienen dazu, den Körper auf eine Handlung vorzubereiten – Kampf oder Flucht. Wissenschaftlich wird plötzliche oder kurz andauernde Angst daher auch als „Kampf-Flucht-Reaktion“ bezeichnet. In früheren Zeiten, als die Menschen bzw. ihre Vorfahren noch in der freien Natur lebten, war es lebensnotwendig, dass bei Gefahren eine automatische Reaktion eintrat, die sie auf unmittelbares Verhalten vorbereitete (angreifen oder weglaufen). Für die Entwicklung des Menschen (und auch anderer Lebewesen) war die Entstehung von Angstreaktion also sehr wichtig, um den Organismus vor Gefahren zu warnen und somit zu seinem Schutz beizutragen.

Ein gewisses Maß an Angst, insbesondere in unbekannten Situationen, ist auch in unserer heutigen hektischen Zeit noch notwendig. Sie kann die Aufmerksamkeit erhöhen und somit eine bessere Anpassung an die Situation ermöglichen. Denken Sie nur an Situationen wie ein Bewerbungsgespräch, eine Prüfung oder das Autofahren. Wenn Sie gar keine Angst vor Prüfungen hätten, könnten Sie dazu neigen, sich nicht ausreichend auf Prüfungen vorzubereiten oder riskante Manöver beim Autofahren durchzuführen. Oder stellen Sie sich vor, dass Sie die Straße überqueren und plötzlich ein Auto hupend auf Sie zugerast käme. Wenn Sie absolut keine Angst empfänden, würden Sie überfahren. Da aber Ihre „Kampf-Flucht- Reaktion“ aktiv wird und Sie weglaufen läßt, geraten Sie außer Gefahr und überleben. Bei manchen Menschen ist das „Alarmsystem Angst“ überempfindlich geworden und kann schon bei kleinsten, ungefährlichen Veränderungen in der Umwelt oder auch im Körper ausgelöst werden. Dann tritt die Angst sehr häufig oder sehr intensiv auf, so dass sie quälend wird und sie in ihrem Leben einschränkt. In solchen Fällen kann es notwendig werden, professionelle Hilfe aufsuchen.

Die drei Bestandteile der Angst

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Angst ein Gefühl ist, das aus einer Kombination von drei Bestandteilen besteht: einer körperlichen Komponente, einer Gedanken-Komponente und einer Verhaltens-Komponente. Diese drei Bestandteile hängen zwar im allgemeinen zusammen, müssen aber nicht immer gleichzeitig oder gleich stark auftreten. Manche Menschen nehmen mehr die körperliche Komponente der Angst wahr, während andere Menschen mehr die Gedanken- oder Verhaltens-Komponente wahrnehmen. Obwohl die Bedeutung der einzelnen Komponenten also von Mensch zu Mensch verschieden ist, sind alle drei wichtig bei der Entstehung und dem Fortbestehen von Ängsten. Man kann sich diese Komponenten der Angst am besten vorstellen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sie alle darauf abzielen, den Organismus auf plötzliche Handlungen vorzubereiten und ihn zu schützen. Die drei Aspekte der Angst werden im folgenden einzeln erläutert.

a) Die körperliche Komponente

Bei Angst steigt die Erregung des autonomen Nervensystems an. Dieser Teil des Nervensystems wird „autonom“ genannt, weil er viele körperliche Vorgänge kon- trolliert, die verhältnismäßig wenig willentlich beeinflußbar sind. Dazu gehören auch die Funktionen von inneren Organen (z.B. das Herz-Kreislauf-Systens, die Atmung und das Magen-Darm-System). Wenn ein Mensch intensive Angst erlebt, verstärken sich manche Körperprozesse automatisch. Angst geschieht also nicht „nur im Kopf“, sondern sie beinhaltet auch deutliche körperliche Veränderungen. Viele dieser Veränderungen treten auch während sportlicher Betätigung, Aufregung, sexueller Erregung oder ähnlichen Dingen auf.

Die Erregung ist mit einer Vielzahl von Empfindungen, Gefühlen oder Symptomen verbunden, die man je nach den äußeren Umständen auch als beängstigend und quälend erleben kann. Doch handelt es sich nur um eine Verstärkung normaler körperlicher Prozesse, die.. nicht gefährlich sind. Jeder empfindet zeitweise physiologische Veränderungen oder einzelne Angstsymptome, allerdings reagieren die Menschen unterschiedlich darauf. Manche Menschen suchen solche Empfindungen rege!- recht (z.B. Achterbahn fahren oder Horrorfilme anschauen). Andere hingegen nehmen diese Empfindungen häufiger oder intensiver wahr und neigen dazu, sie als gefährlich zu bewerten. Dies fuhrt dazu, dass sie häufiger ängstlich werden. Es ist also wichtig zu wissen, dass Angst normale Körperreaktionen beinhaltet. Im folgenden gehen wir daher noch einmal genauer auf die körperlichen Effekte der Angst ein. Dabei besprechen wir nacheinander die Geschehnisse hin Nervensystem, im Herz- Kreislauf-System, in der Atmung, den Schweißdrüsen und anderen körperlichen Systemen.

Nervensystem

Wenn irgendeine Art von Gefahr wahrgenommen oder vorausgeahnt wird, sendet das Gehirn Botschaften zum autonomen Nervensystem. Das autonome Nervensystem hat zwei Unterteilungen oder Äste, die das „sympathische Nervensystem“ und das „parasympathische Nervensystem“ genannt werden. Es sind genau diese beiden Äste des Nervensystems, die direkt das Energieniveau des Körpers und die Vorbereitung von Handlungen kontrollieren. Einfach gesagt ist das sympathische System ein Kampf/Flucht-System, das Energie freisetzt und den Körper auf Handlungen vorbereitet, während das parasympathische Nervensystem ein ,,wiederherstellendes“ System ist, das den Körper zurück in den Normal-Zustand versetzt.

Einer der Haupteffekte des sympathischen Nervensystems liegt darin, dass es zur Freisetzung von zwei chemischen Substanzen, Adrenalin und Noradrenalin, führt. Diese chemischen Substanzen werden von dem sympathischen Nervensystem als Botenstoffe benutzt, um Erregung zwischen den Nerventeilen und den Körperorganen weiterzugeben. Die Aktivität des sympathischen Nervensystems kann auf zwei verschiedene Arten gestoppt werden. Zum einen werden die chemischen Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin teilweise von anderen chemischen Stoffen im Körper abgebaut. Zum anderen wird das parasympathische System, das im allgemeinen entgegen- gesetzte Effekte wie das sympathische Nervensystem hat, aktiviert und stellt einen entspannten Zustand wieder her. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass der Körper nach einer gewissen Zeit genug von der Kampf/Flucht-Reaktion hat und das parasympathische Nervensystem aktiviert wird, um ein entspanntes Gefühl wiederherzustellen.

Mit anderen Worten: Angst kann weder für immer andauern noch sich zu einem endlos andauernden und möglicherweise schädigendem Niveau aufschaukeln. Das parasympathische Nervensystem ist ein eingebauter Schutz, der das sympathische Nervensystem stoppt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die chemischen Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin eine gewisse Zeit benötigen, um abgebaut zu werden. Somit kann es vorkommen, dass selbst wenn die Gefahr vorüber ist und Ihr sympathisches Nervensystem aufgehört hat zu reagieren, Sie sich noch für eine gewisse Zeit aufgeregt oder angespannt fühlen, weil diese chemischen Substanzen hin Blut noch nicht vollständig abgebaut sind. Sie müssen immer daran denken, dass dies absolut natürlich und ungefährlich ist. Auch diese Eigenschaft erfüllte früher in der freien Natur eine wichtige Funktion, da dort die Gefahr häufig wiederkehrt und es für den Organismus dann nützlich ist, wenn er auf die Kampf/Flucht- Reaktion vorbereitet ist.

Herz-Kreislauf-System

Aktivität im sympathischen Nervensystem führt zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und zu einem stärkeren Herzschlag. Dies ist als Vorbereitung für körperliche Aktivität lebensnotwendig, weil so der Blutkreislauf beschleunigt werden kann, indem der Transport von Sauerstoff ins Gewebe und der Abtransport von Stoffwechselprodukten aus dem Gewebe verbessert wird. Neben einer erhöhten Aktivität des Herzens verändert sich auch der Blutfluß. Grundsätzlich wird Blut von den Stellen, an denen es nicht gebraucht wird, durch Verengung der Blutgefäße weggenommen und an die Orte transportiert, wo ein erhöhter Bedarf herrscht (durch Dehnung der dortigen Blutgefäße). So wird z.B. Blut aus der Haut, den Fingern und den Zehen weggenommen. Dies ist nützlich, wenn der Körper angegriffen und in irgendeiner Form verletzt wird, da es dann unwahrscheinlich ist, dass man verblutet. Folglich sieht die Haut bei Angst oft blaß aus und fühlt sich kalt an, die Finger und Zehen werden häufig kalt und fühlen sich taub und kribblig an. Zusätzlich wird das Blut zu den großen Muskeln transportiert, wie z.B. zu den Oberschenkeln und zum Bizeps, was dem Körper wiederum dazu verhilft, sich auf Handlungen vorzubereiten, die Muskelarbeit erfordern.

Atmung

Die Kampf/Flucht-Reaktion ist mit einer schnelleren und tieferen Atmung verbunden. Dies ist offensichtlich von Bedeutung für die Alarmbereitschaft des Organismus, da das Gewebe mehr Sauerstoff benötigt, um den Körper auf Aktivitäten vorzubereiten. Die Gefühle, die durch diese Zunahme der Atmung hervorgerufen werden, können Atemlosigkeit, Erstickungsgefühle und sogar Schmerzen oder Beklemmungsgefühle in der Brust einschließen. Es ist eine wichtige Nebenwirkung der verstärkten Atmung, besonders wenn keine aktuelle körperliche Aktivität eintritt, dass die Versorgung des Gehirns kurzzeitig etwas heruntergesetzt ist. Obwohl dies nur von geringer Bedeutung und überhaupt nicht gefährlich ist, können damit doch eine ganze Reihe unangenehmer Symptome (jedoch ungefährliche) verbunden sein, wie z.B. Benommenheit, verschwommenes Sehen, Zustände von Verwirrung und Unwirklichkeit, sowie Hitze- oder Kältewallungen.

Schweißdrüsen

Eine Aktivierung der Kampf/Flucht-Reaktion führt zu vermehrtem Schwitzen. Auch dies hat wichtige biologische Funktionen, indem es die Haut glitschiger macht und es so einem Angreifer erschwert zuzupacken. Außerdem kühlt das Schwitzen den Körper und bewahrt ihn vor dem Überhitzen.

Andere körperliche Systeme

Eine Reihe anderer Effekte werden durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems produziert, von denen jedoch keiner in irgendeiner Weise schädlich ist. Zum Beispiel werden die Pupillen weit, um mehr Licht durchzulassen. Dies kann verschwommenes Sehen, Pünktchen vor den Augen und ähnliche Symptome zur Folge haben. Außerdem tritt verminderter Speichelfluß auf, der einen trockenen Mund verursacht. Des weiteren ist die Aktivität des Verdauungssystems heruntergesetzt, was oft Übelkeit, ein schweres Gefühl im Magen, oder sogar Verstopfung hervorrufen kann. Schließlich spannen sich viele Muskelgruppen an, als Vorbereitung für den Kampf oder die Flucht. Dies entspricht dem subjektiven Gefühl von Anspannung, das sich manchmal bis zu deutlich sichtbarem Zittern oder Beben ausweitet. Insgesamt betrachtet führt die Kampf/Flucht-Reaktion zu einer allgemeinen Aktivierung des gesamten Stoffwechsels. Auf diese Weise fühlt man sich oft heiß und erhitzt, und weil dieser Prozeß eine Menge Energie verbraucht, fühlt man sich hinterher müde und ausgelaugt.

b) Die Gedanken-Komponente

Diese Komponente betrifft unsere Gedanken, Überzeugungen, Erwartungen und ähnliches. Menschen werden in starkem Maße von ihrer Art über Dinge zu denken beeinflußt. Mit anderen Worten: Unser Denken beeinflußt unsere Stimmung, Gefühle und Verhalten. Ein Beispiel kann dies veranschaulichen: Stellen Sie sich vor, Sie machen einen langen Spaziergang und wandern dabei einen steilen Berg hoch. Es ist sehr anstrengend, den Berg hochzugehen, und Sie bemerken, dass Ihr Herz schneller zu schlagen beginnt. Obwohl Ihr Herz schneller schlägt, sind Sie nicht beunruhigt, da Sie denken, dass Ihr schnellerer Herzschlag durch die Anstrengung begründet ist. Der gleiche schnellere Herzschlag kann Sie aber in anderen Situationen sehr leicht beunruhigen. Wenn Sie beispielsweise Zuhause auf dem Sofa sitzen, und Sie bemerken, dass Ihr Herz schneller zu schlagen beginnt, werden Sie vielleicht besorgt darauf reagieren und ängstlich werden. Sie bewerten in diesem Moment Ihren schnelleren Herzschlag als bedrohlich. Obwohl Sie in beiden Situationen das gleiche Symptom bemerken, bewerten Sie es ganz unterschiedlich.

In ähnlicher Form bewerten Menschen alle ihre Erlebnisse, wenngleich ihnen dies nicht immer bewußt ist. Manchmal sind die Interpretationen von Situationen und Erlebnissen von Personen nicht richtig oder sogar unbrauchbar, da sie ungerechtfertigt Angst auslösen. Unsere Interpretationen können somit eine Anzahl von Problemen verursachen. Die Bewertungen und Interpretationen unserer Erfahrungen können teilweise sogar in regelrechten ,,Selbstgesprächen“ geschehen. Oder uns schießen blitzartige Gedanken durch den Kopf, die wir kaum wahrnehmen, die aber auch unsere Erwartungen und unser Verhalten beeinflussen. Diese „Gedankenblitze“, Interpretationen und ,,Selbstgespräche“ können uns sowohl eine gute Stimmung als auch eine schlechte Stimmung vermitteln. Manche dieser „Selbstgespräche“ (z.B. „Ich schaff das nicht und werde es auch nie schaffen“) behindern uns bei der erfolgreichen Bewältigung von Situationen oder Anforderungen. Andere dagegen (z.B. „Ich schaff“ das schon, andere können das auch“) können uns helfen, Situationen oder Anforderungen besser zu bewältigen.

Es ist weiterhin wichtig, sich bewußt zu machen, dass der erste Effekt der Kampf- Flucht-Reaktion darin besteht, den Organismus auf die Existenz möglicher Gefahren aufmerksam zu machen. Folglich ist einer der Haupteffekte eine plötzliche und automatische Wendung der Aufmerksamkeit auf die Umwelt hin, die nach möglicher Bedrohung abgesucht wird. Dies macht es schwierig, sich auf alltägliche Aufgaben zu konzentrieren, wenn man ängstlich ist. Deshalb beklagen sich ängstliche Leute häufig, dass sie leicht von ihren alltäglichen Arbeiten abzulenken sind, dass sie sich nicht konzentrieren können und dass sie Schwierigkeiten mit ihrem Gedächtnis haben. Dies ist ein normaler und wichtiger Teil der Kampf/Flucht-Reaktion, da ihr Sinn darin besteht, Sie von Ihren laufenden Arbeiten abzuhalten und es Ihnen somit zu ermöglichen, Ihre Umgebung nach möglichen Gefahren abzusuchen.

c) Die Verhaltens-Komponente

Der dritte wichtige Aspekt der Angst ist die Verhaltenskomponente. Mit Verhalten meinen wir hier alles das, was wir tun und was für andere sichtbar ist. Gedanken und innere Vorstellungsbilder gehören demnach nicht dazu. Angst kann nun das Verhalten einer Person auf mehrere Weise beeinträchtigen. Bei der ersten Art von Beeinträchtigungen sind zumeist Verhaltensweisen davon betroffen, die Konzentration oder Geschicklichkeit erfordern, z.B. lesen, eine schwierige Arbeit erfüllen oder auch vor anderen Menschen reden. Durch die aufkommende Angst können diese Leistungen nur unter größter Anstrengung erbracht werden oder müssen sogar kurzzeitig unterbrochen werden. Bei der zweiten Art der Verhaltensbeeinträchtigung sprechen wir von „hilfesuchendem Verhalten“.

Damit ist gemeint, dass viele Menschen Situationen nur dann ohne Angst überstehen können, wenn sie bestimmte ,,Hilfsmittel“ immer bereit halten. Ein häufiges Beispiel für solche Hilfsmittel ist das ständige Mitttragen der Telefonnummer des Hausarztes oder von „Medikamenten für den Notfall“. Die dritte Art der Verhaltensbeeinträchtigung ist die Vermeidung oder auch das Flüchten aus angstauslösenden Situationen. Manche Personen lernen Situationen oder Plätze zu vermeiden, an denen sie Angst erlebt haben, oder von denen sie denken, dass sie Angst erleben werden. Andere Leute wiederum verlassen die Situationen, in denen sie Angst bekommen, sie laufen weg. Im allgemeinen haben Personen mit dem Paniksyndrom keine extremen Probleme mit Vermeidung oder Flucht. Sie versuchen weiterhin, möglichst alle Orte aufzusuchen und die möglicherweise aufkommende Angst auszuhalten, statt zu vermeiden oder zu flüchten. Dies ist eine gute Methode, und wir möchten Ihnen raten, weiterhin angstbesetzte Plätze so oft wie möglich aufzusuchen.

Ein häufiges Problem von Personen mit Ihren Beschwerden ist, dass sie in angsterregenden Situationen oft eine „Zuschauer-Rolle“ einnehmen. Sie sind dann so mit ihrer Angst oder ihren negativen Gedanken beschäftigt, dass ihre Aufmerksamkeit von den momentanen Anforderungen abgelenkt wird. Dies kann zu einer Unfähigkeit führen, die Situation zu bewältigen. Zum Beispiel kann eine Person so von dem Eindruck, den sie in einer sozialen Situation macht, eingenommen sein, dass sie Teile des aktuellen Gesprächs nicht wahrnimmt. Wie bereits zuvor erwähnt, bereitet die Kampf/Flucht-Reaktion den Körper auf Verhalten vor: ursprünglich war das entweder Angreifen oder Weglaufen. Es ist somit nicht verwunderlich, dass wir in solchen Situationen einen Drang zu Aggressionen oder den Wunsch zu fliehen verspüren.

Wenn dies nicht möglich ist (z.B. aufgrund sozialer Zwänge) zeigt sich dieses Verlangen oft in Verhaltensweisen wie z.B. mit dem Fuß wippen, auf und ab laufen oder andere Menschen beschimpfen. Im Grunde sind es jedoch Gefühle des Eingesperrtseins und des Fliehenmüssens, die sich so äußern. Wir wollen die wichtigsten bisher besprochenen Punkte noch einmal kurz zusammenfassen: Angst wird wissenschaftlich als Kampf/Flucht-Reaktion verstanden, weil ihre wichtigste Funktion darin besteht, den Organismus zu aktivieren und ihn vor Gefahren zu schützen. Angstreaktionen bestehen aus drei nicht immer eng zusammenhängenden Komponenten, einer körperlichen, einer gedanklichen und einer verhaltensmäßigen Komponente. Aus diesem Grund können bei Angstzuständen eine Vielzahl körperlicher und psychischer Symptome auftreten. Dabei ist vielen Menschen nicht bekannt, dass auch Empfindungen wie Benommenheit, Taubheit und Kribbeln in Körperteilen, und Unwirklichkeitsgefühle typische Angstsymptome sind.